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Austen Henry Layard: Auf der Suche nach Ninive, Kapitel 8: Bei den Jezidi oder Teufelsanbetern, München
1965.
Kommentar
Austen Henry Layard kam am 5. März 1817 in Paris als Sohn eines britischen Staatsbediensteten zur Welt. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Italien, wo er die Schule besuchte und sich für die feinen Künste zu interessieren begann. Zu seiner fast schon „kosmopolitischen“ Ausbildung gehörten allerdings auch Schulbesuche in Frankreich, England und der Schweiz. Nachdem er sechs Jahre lang im Anwaltsbüro seines Onkels, Benjamin Austen, eine juristische Ausbildung genossen hatte, unternahm er 1839 – gerade einmal 22-jährig – eine Reise nach Asien, weil er eine Anstellung im britischen Staatsdienst in Ceylon (Sri Lanka) in Aussicht hatte. Dieses Vorhaben verflüchtigte sich allerdings schnell, nachdem er mehrere Reisen in Persien und Umgebung unternommen und 1842 schließlich den britischen Botschafter im Osmanischen Reich, Sir Stratford Canning, in Konstantinopel kennen gelernt hatte, der ihn fortan mit diversen inoffiziellen diplomatischen Missionen in der europäischen Türkei betraute.
1845 begann Layard mit der Erforschung von Ruinenhügeln in Assyrien, zunächst von Nimrud am Tigris (1845 bis 1847), das er anfangs fälschlicherweise für die antike Stadt Ninive hielt. Später stellte er fest, dass die Ruinenstätte Kujundschik bei Mossul mit Ninive zu identifizieren ist. Nach einem Aufenthalt in England führte Layard von 1849 bis 1851 eine zweite Forschungsreise durch, bei der er außer Ninive und Nimrud auch archäologische Stätten im südlichen Mesopotamien (unter anderem Babylon) erforschte. Ab 1852 war Layard in der britischen Politik aktiv, unter anderem als Botschafter in Konstantinopel (1877 bis 1880). Im Rahmen seiner Forschungsreisen nahm Layard Kontakt zu den dort ansässigen Volksgruppen auf, u.a. auch zu den Êzîden, die ihn als einen der ersten Europäer einluden, an ihren Zeremonien teilzunehmen.
Das Werk „Auf der Suche nach Ninive“ („Niniveh and ist Remains“), aus dem das achte Kapitel hier stammt, wurde erstmals 1848-1849 von der Putnam-Verlagsanstalt in New York veröffentlicht, zeitgleich mit Layards zweiter Forschungsreise in Mesopotamien. 1852 lieferte W. Meißner eine deutsche Übersetzung dieses Werkes unter dem Titel: „Austen Henry Layard’s populärer Bericht über die Ausgrabungen zu Niniveh, nebst einer Beschreibung eines Besuches bei den chaldäischen Christen in Kurdistan und den Jezidi oder Teufelsanbetern“. 1965 hat Hartmut Schmökel die Meißner’sche Übersetzung überarbeitet und im Beck-Verlag neu auflegen lassen. Der inhaltliche Gehalt der Ausführungen Layards blieb dabei unberührt.
Layard war ein vornehmer, gebildeter Europäer, der eine klassisch-humanistische Ausbildung genossen hatte. Er war eloquent, aufgeschlossen, gewissermaßen kosmopolitisch in seinem Auftreten, dennoch ein typisch abendländisches „Kind seiner Zeit“, wenn es um den Umgang mit nicht-christlichen Religionsgruppen ging, die er in Persien und dem Osmanischen Reich besuchte. Als er die Êzîden kennen lernte, war Layard fasziniert von ihrer Religion und dem Geheimnis, das sie umgab. Im Blickpunkt seines Interesses lag allerdings weniger die Lebenswirklichkeit der Gemeinde mit all den Widrigkeiten unter Osmanischer Herrschaft als vielmehr die für ihn spannendere Frage, welche uralten religiösen Inhalte sich im Êzîdentum womöglich überlebt haben könnten. In Anbetracht der Tatsache, dass zu Layards Zeit fast nichts Seriöses bzw. Gesichertes über die Êzîden bekannt war, ist seine Darstellung im Großen und Ganzen recht ordentlich gelungen, zumal er auch nur das beschreiben konnte, was er selbst mit eigenen Augen gesehen hatte.
Zum Teil war Layard das Schicksal der Êzîden in der vergangenen Zeit hinlänglich bekannt. Die Unterdrückungen und Strafexpeditionen Bedir Xans, Mîr Muhammad-î Rawândizis oder anderer kurdischer sowie osmanischer und persischer Herrscher lagen ja noch nicht allzu weit in der Vergangenheit, teilweise waren sie noch voll im Gange. Layard interessierte sich vornehmlich dafür, warum die Êzîden von ihren muslimischen Nachbarn als Häretiker betitelt und als „Anbeter des Bösen“ stigmatisiert wurden. Durch den Umgang mit den Êzîden konnte er die weit verbreiteten Vorurteile und Schauergeschichten als solche entlarven und feststellen, dass „Scheich Adi weit davon entfernt [ist], der Schauplatz der Orgien zu sein, die man den Jezidi nachsagt“ (S. 186). Dennoch dürfen Layards Ausführungen nur mit Vorsicht genossen werden insofern, als dass noch Vieles über die Religion und die Religionsgemeinschaft im Dunkeln lag. Beispielsweise war die Identität des von den Êzîden verehrten Şêx Adî zu dem Zeitpunkt noch völlig unbekannt; erst der französische Vize-Konsul, Nicolas Siouffi, stellte in einem Aufsatz von 1886 fest, dass es sich hierbei um den Sufi-Meister Sheikh Adi ibn Musafir handele, der von ca. 1075 – 1162 lebte.
Layard war den Êzîden sichtlich freundschaftlich verbunden; seine Motive können auch sonst als durch und durch hehr bezeichnet werden, dennoch tritt seine christlich-abendländische Geisteshaltung durch seine Ausführungen deutlich zu Tage. Die häufige Verwendung des Wortes, das den Êzîden so unangenehm ist und ihnen viel Ärger und Kummer bereitet hat, ist nur ein Beispiel hierfür. Dennoch ist zu konstatieren, dass die Êzîden im Allgemeinen offen und ehrlich über ihre Religion und ihren Alltag sprachen. Die Antworten, die sie auf Layards Fragen gaben, entsprachen der Wahrheit und brachten viele neue und wichtige Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Erforschung der Religion. Doch sobald Layard den Versuch unternahm, mit seinen Fragen die êzîdischen Informanten in eine bestimmte Richtung zu lenken, bekam er irreführende und verfälschende Antworten. Einer seiner Fehler bestand etwa darin, Taus-î Melek mit dem gefallenen Engel der arahamitischen Religionen zu identifizieren (S. 188 f.) und gar nicht erst auf die Besonderheiten der êzîdischen Legende einzugehen.
Layard formulierte Fragen, die eindeutig auf eine christlich-abendländische Geisteshaltung fußten, und er erwartete von seinem Gegenüber eine Antwort in den gleichen Denkkategorien, die dieser jedoch nicht zu leisten im Stande war. Die êzîdischen Informanten verfügten auch nicht über die Vorstellungskraft, um zu verstehen, worauf der Fragende hinaus wollte. Nur ein Beispiel sei hier angeführt: Wie wir heute wissen, ist der êzîdischen Religion der schriftbesitzende Charakter weitgehend fremd. Die Übermittlung religiösen und kulturellen Gedankenguts erfolgte weitgehend mündlich. Für Layard waren jedoch schriftliche Quellen für eine ethnische bzw. religiöse Gemeinschaft konstitutiv; er setzte sich daher gar nicht mit dem Phänomen auseinander, dass die religiöse Transmission bei den Êzîden ausschließlich mittels oraler Praxis vonstatten ging.
Dies alles führte zu dem folgenschweren Irrtum, die êzîdische Religion verfüge über keinerlei theologisches Fundament. Die Ignoranz gegenüber diesen religiösen Spezifika hatte auch Konsequenzen für die weitere Forschung: Viele Reisende und Wissenschaftler, die sich später mit den Êzîden befassten, beriefen sich auf Layard und dessen Annahme, die Êzîden seien eine schriftlose und ergo theologisch nicht eindeutig fassbare Gemeinschaft. Viele dieser Forscher machten sich auch gar nicht erst die Mühe, eigens Feldforschungen zu betreiben. Ihre Annahmen konzentrierten sich weitgehend auf Vorurteilen, Reisebeschreibungen und reinen Spekulationen. Darüber hinaus muss festgestellt werden, dass Layards Rückschlüsse und die anderer Forscher auf dominanten christlich-muslimischen Prämissen basierten. Das Bild, das von der êzîdischen Religion gezeichnet wurde, war folglich stark von dieser Sicht gefärbt.
Die Missverständnisse und Fehlinterpretationen sind jedoch nicht nur den Forschungsreisenden anzulasten, sondern gehen zum guten Teil auch auf das Konto der Êzîden selbst. Sie waren zwar – wie eben schon erwähnt – recht offen in ihrem Umgang mit europäischen Forschern, zögerten jedoch, die letzten Geheimnisse und wesentlichen Bestandteile ihrer Religion Außenstehenden preiszugeben. Durch geschicktes Ausweichen vermochten sie es, ihre Gesprächspartner über zentrale Elemente ihres Glaubens im Unklaren zu lassen. Als Layard bemerkte, dass zu den Feierlichkeiten in Lalish religiöse Hymnen rezitiert wurden, weigerten sich die Êzîden, diese nochmals vorzutragen. Auf mehrere Nachfragen hin, versicherten sie ihm, die Bedeutung dieser Gesänge sei marginal; außerdem seien die Hymnen für sie nicht verständlich, weil sie in Arabisch abgefasst seien. Heute wissen wir, dass es sich bei diesen Gesängen um Qewls handelt, also religiöse heilige Texte. Diese sind für die Êzîden sehr wohl verständlich, zumal sie nicht in Arabisch, sondern in Kurdisch abgefasst sind und nur teilweise arabische Lehnwörter enthalten. Ungeachtet dessen verstanden die Êzîden aus der Region sehr wohl die arabische Sprache. Und schließlich sind die Qewls für das religiöse Verständnis von immenser Bedeutung, weil in ihnen das gesamte theologische Fundament der êzîdischen Religion festgehalten ist.
Bei allen Vorbehalten gegenüber einigen Aussagen und Thesen Layards dürfen seine Verdienste nicht als zu gering eingestuft werden. Layard gilt zusammen mit anderen zeitgenössischen Forschungsreisenden wie Percy Badger oder William Ainsworth als Pionier auf dem Gebiet der Êzîden-Forschung, weil er mit seinen frühen Studien einen im Wesentlichen runden Überblick zum Êzîdentum geliefert und – was noch viel wichtiger ist – mit einigen Vorurteilen und böswilligen Unterstellungen aufgeräumt hat. Er stellt klar, dass die Êzîden keine „Anbeter des Bösen“ sind, wie ihre muslimischen Nachbarn unterstell(t)en. Von ihm erfahren wir, dass die Êzîden Monotheisten sind, Taus-î Melek und Şêx Adî verehren und daneben eine Reihe weiterer heiliger Wesen. Layard gibt auch einen Überblick über die êzîdische Gesellschaftsstruktur, insbesondere eine vortreffliche Schilderung der Klasse der Qewals, auch wenn er deren Bedeutung für die Bewahrung des Êzîdentums leider vollkommen unterschätzte.
Layards Text ist nicht zuletzt ein historisches Dokument, das die zahlreichen Unterdrückungen und Verfolgungen, denen die Êzîden im Osmanischen Reich ausgesetzt waren, für die Nachwelt festhält. Durch ihn erfahren wir, dass die Êzîden einst „ein sehr mächtiger Stamm“ (S. 173) gewesen waren, ehe sie durch Mord und Zwangsbekehrung sukzessive dezimiert worden sind. Die Ausführungen Layards sind auch deshalb so wertvoll, weil in ihnen die erste detaillierte Beschreibung des Lalish-Tals sowie der Herbstfeierlichkeiten zu Ehren Şêx Adîs enthalten ist, auf die sich spätere Autoren beriefen. Einer dieser Autoren war etwa Karl May, der bei der Gestaltung von Kara Ben Nemsis Abenteuern im Orient eifrig von Layards Büchern übernommen
hat.
Serhat Ortac
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